...ich habe es erlebt
 Leben in Nachkriegsdeutschland Arbeit und Feldbett beim Amerikaner Im Februar 1947 vagabundierte Günter Werk noch zwischen Mainz und München. Durch einen Zufall erfuhr er von der Möglichkeit einer Arbeit mit Unterkunft bei der amerikanischen Armee in Frankfurt-Griesheim. Die Arbeit war nicht schwer, hier und da ließ sich was abzweigen und er fand heraus, wie man gute Freunde erkennt.
3. März 1947. Die Formalitäten waren unbürokratisch, ein Sammelzuzug für die Frankfurter Stroofstraße 33 genehmigt. Ich hatte einen Platz in einem großen Barackenlager innerhalb eines Depots bekommen, von dem Teile noch von der Chemischen Fabrik Griesheim genutzt wurden. Zwei braune US-Army Decken und ein Kopfkissen waren die Ausstattung für mein Feldbett in der überhitzten Baracke. Endlich hatte ich etwas Wärme und Geborgenheit gefunden. Mein Arbeitsbeginn war am Montag, 3. März 1947 im Warehouse No. 262, Laborer. Fließbänder, Kisten, Material unterschiedlichster Art gab es hier und auch das versprochene amerikanische Mittagessen. Die täglichen Rationen auf den Lebensmittelkarten war damals kläglich gering und Hunger ein ständiger Begleiter. Einmal hatte ich Glück und bekam drei Pfund frisch gebackenes Brot.
 Nägel für den Schwarzmarkt Die unterschiedlichen Materialien im Warehouse 262 waren eine ständige Verlockung. Für uns war ja alles knapp und rationiert. Einmal konnte ich den bewachten Depotausgang mit einem Bündel großer Nägel passieren. Doch schon einige Monate später wurde jeder "gefilzt", der das Depot verließ. Für die Nägel hatte ich versucht, im Frankfurter Hauptbahnhof einen Abnehmer zu finden. Der Hauptbahnhof war damals ein geschäftiges und überfülltes Zentrum für Tausch und Verkauf. Eine dunkle Masse verschlossener, vorsichtiger und misstrauischer Männer - Schwarzmarkt. Oft genug gab es plötzliche Razzien. Dieses abenteuerliche "Schinschen", wie es damals hieß, war aber nicht nach meinem Geschmack. Nach einiger Zeit bekam ich eine andere Arbeit. Ein Lichtblick: Ich durfte mit Operations Department Captain Robert M. Bracket, Sergeant McDougal, Sergeant Read und dem Schäferhund Robby zusammenarbeiten. Der administrative deutsche Mittelpunkt war Werner Krägelin. Wie ich war er ein Umhergetriebener, aber mit mehr Glück. Er bewohnte schon ein möbliertes Zimmer in Schwanheim.
 Barackenleben Täglich flitzte ich nun mit einem Fahrrad in dem großen Depot hin und her. Meine Aufgaben erweiterten sich bis in die beschlagnahmten Häuser Schwanheims auf der gegenüberliegenden Mainseite. Da stand schon die eiserne Behelfsbrücke, die heute irgendwo in Frankfurt "eingemottet" wurde, für Tage, die hoffentlich nie kommen. Am Depot-Ausgang wurde ich auch nicht mehr kontrolliert. So kam ich zu dem zweieinhalb-Tonner GMC mit dem Fahrer Franz Schäfer, einem Rheinländer. Er war nie nüchtern und manchmal sehr betrunken. Mit ihm war die Arbeit immer sehr abwechslungsreich. Das Barackenleben war nichts Neues für mich, aber es war noch immer genauso abstoßend wie schon vor Jahren in den Kriegsgefangenenlagern. Für 250 Reichsmark kaufte ich mir endlich wieder eine Uhr - eine Taschenuhr mit Kette. Ich hängte sie am Kopfende meines Feldbettes an die Wand. An einem Morgen war sie verschwunden und mit ihr ein - wie ich angenommen hatte - guter Kumpel. Drei, vier Mann waren schnell bereit für eine Razzia am Hauptbahnhof, in der Hoffnung, den Dieb dort zu erwischen. Wir hatten zwar keinen Erfolg, aber so entstanden Freundschaften. Wie die zu Kurt Ruzicke dem Küchenchef. Er war immer satt. Schon lange hatte er ein Komfortzimmer in Schwanheim. An meinen Hunger dachte er aber nicht. Es gelang ihm damals, seine Mutter aus der DDR herauszubringen. Ihr Hotel in Swinemünde hatte den Krieg überstanden. Schon gleich nach der Währungsreform im Sommer 1948 konnte er sich einen Urlaub auf Sylt leisten. Frolleins und Fräuleins Franz Straatmann kam aus Düsseldorf. Sein weißer Kittel war beeindruckend, er war Technischer Zeichner in einem großen Büro. Eine saubere Arbeit - im Gegensatz zu seiner goldenen Schweizer Armbanduhr mit unbekannter Vergangenheit. Ein anderer war Karl Krieg, der Leiter der Personalabteilung. Seinen schwarzen Vollbart wollte er sich erst abschneiden, wenn er seine Frau wiedergefunden hatte. Zehn Jahre später traf ich ihn als Versandleiter einer großen Druckfarbenfabrik in Frankfurt wieder. Sein Bart war weg, aber seine Frau hatte er nicht gefunden. Damals gab es nicht nur die "Frolleins" der Amerikaner, sondern auch die Fräuleins im fortgeschrittenen Alter, wie Fräulein Helene Reichenbach. Sie war die Sekretärin von Herrn Ziegler, dem deutschen Direktor des Depots. Eine ehemalige Gymnasiallehrerin: gebildet, freundlich und nett. Fräulein Reichenbach starb leider schon sehr früh. Ich habe ihr Grab in Griesheim besucht. Eine bleibende Erinnerung an sie wird aber immer unsere gemeinsame Fahrt nach Königstein sein. Wir machten zusammen mit einer ihrer ehemaligen Schülerinnen aus Bonn, der Tochter eines Juweliers, einen Ausflug. Ihre kleine Kuppelei funktioniert allerdings nicht. Für eine feste Verbindung hatte ich nicht die Reife, den Willen oder die Bereitschaft.
 Gulasch und ein Zungenkuss Ein anderer Fall war Viktor Freiherr von Kozmitza, ein Flüchtling wie ich. Er benutzte eine gewählte Aussprache und hatte ein adeliges Aussehen. Wir hatten es beide zusammen erreicht: Ein eigenes, verschließbares Zimmer in einer besonderen Baracke. Gleich nach der Währungsreform heiratete er ein Mädchen aus Schwanheim. Zu der Hochzeit wurde ich aber nicht eingeladen. Letzte Spuren von ihm: Autoverkäufer bei Opel an der Mainzer Landstraße. Seine Frau hatte offensichtlich eine Beschäftigung im Bahnhofsviertel. Ich habe sie oft gesehen, aber sie wollte mich nicht mehr erkennen. Egon Laues Eltern hatten eine Villa in Bad Neuenahr. Er war Leiter des Warenhauses Installation Supply. In dem auch ich - dank einiger Verbindungen - bald eine lukrative Arbeit fand. Unvergessen bleibt Egons Einladung zum Gulasch-Essen nach Bad Neuenahr. Auch er heiratete sehr bald ein Mädchen aus Schwanheim. Als ich sie kennenlernte, begrüßte sie mich mit einem unvermuteten Zungenkuss. Die Ehe wurde viele Jahre später geschieden. Sie heiratete einen Beamten in Brüssel, Egon wurde ein erfolgreicher Möbelverkäufer. Das Installation Supply war ein Lagerhaus, vor dem Eisenbahn-Gleise aus besseren Zeiten endeten. Einmal kam ein großer Waggon mit einer riesigen Werkbank, ordentlich verpackt, irgendwo aus Frankreich. Bald darauf hatte sich die Werkbank aus dem Staub gemacht.
 Eine neue Bleibe Der Sommer 1948 stand ganz im Zeichen der Währungsreform und meine Bemühungen waren endlich erfolgreich. Ich bekam eine Zuzugsgenehmigung für Frankfurt und fand ein Zimmer in Schwanheim. Endlich kein Barackenleben mehr! Das Depot aber blieb mein Lebensinhalt. Unvergessene Kumpels dort waren Hermann Hamann, schon über sechzig Jahrer alt, Franz Schroer und Franz Sekunna. Zu treuen Händen übergab ich letzterem eine wertvolle Sprengmaschine, die er in Nord-Hessen verkaufen wollte, aber beide verschwanden spurlos. Das Installation Supply hatte noch ein Anhängsel, den Labor Pool, ein Hilfstrupp von zwölf Mann. Es gab vieles zu reparieren und zu befördern, inklusive Transporte bis Ramstein. Hier war ich der Boss und Franz Schäfer mit dem GMC immer noch mein Fahrer. Wir versorgten regelmäßig die beschlagnahmten Häuser in Schwanheim mit Steinkohle. So manche Ladung konnte dabei fehlgeleitet werden. Kugellager in der Sandkaule Das Benzin war immer knapp und der Tank selten voll. Doch Franz Schäfer, ein dünner Schlauch und vorsichtiges Ansaugen konnten einige Kanister füllen. Der Schauplatz des Geschehens war eine einsame Sandkaule. Hier luden wir auch eine schwere Kiste mit Kugellagern aus, wobei ich mir einen Fingernagel zerquetschte. Es dauerte Monate bis er endlich wieder da war. Die Kugellager lieferten wir dann an eine Gelnhauser Autowerkstatt. Der Leiter des Motor Pools, Vorgesetzter von Franz Schäfer und viele Jahre später Tankstellenpächter in Frankfurt, Westend war Willi Engfer, ein Ostpreuße. Er konnte vieles besorgen und hatte einiges auf Lager. Er war ein unscheinbarer, stiller Arbeiter und baute schon damals sein Haus in der Goldsteinsiedlung. Meinen Kumpel Franz Schäfer habe ich später wieder gesehen. Er war inzwischen LKW-Fahrer bei einer deutschen Firma. Nüchtern, aber sein Kehlkopfleiden unheilbar.
 Zweiter Weltkrieg Schneeglöckchen im Knopfloch Prügel für Falschsingen und Kasernen-Strafdienst an Weihnachten: Schmerzlich erinnert sich Günter Werk an seine Zeit als Schüler und Soldat - als der Krieg seiner ersten Liebe ein frühes Ende setzte, seinem Ausbilder das Leben nahm und ihn selbst bis nach Amerika führte.
Von einem Tag auf den anderen hieß sie Adolf-Hitler-Straße, die Bahnhofstraße, an der meine Eltern kurz nach meiner Geburt 1924 in Arnswalde eine Wohnung bezogen hatten. In dem beschaulichen Städtchen in Pommern, dem heutigen Choszczno in Polen, verbrachte ich einen Großteil meiner Kindheit. Nach der unseligen Wende, die zur Umbenennung unserer Straße führte, sollte mein Leben schlagartig nicht mehr dasselbe sein. Die Bahnhofstraße war gerade mal tausend Meter lang und reichte vom Bahnhof zur Marienkirche, einem wuchtigen sakralen Glaubensbekenntnis: 65 Meter hoch, gegründet 1269, und vier weithin sichtbare Kirchturmuhren mit einmalig tönenden Glocken, die weit ins Land schallten. Von dort oben hatte man einen alles umfassenden Blick: Man sah den einen Kilometer entfernten Bahnhof, das Gymnasium und die Volksschule, etwas weiter hinten den Klücken- und den Stavinsee, sogar den Butterberg auf dem Weg nach Reetz konnte man sehen. Die Marienkirche war die fruchtbare Wirkungsstätte des Superintendenten Georg Gramlow. Ich erinnere mich sehr genau an ihn: Wenn er die rechte Hand zum sogenannten Deutschen Gruß hob, dann nie bis auf Augenhöhe - wie es damals Pflicht und üblich war. Nicht mal ein gequetschtes "Heitler" kam über seine Lippen. Trotz mehrmaliger Verhaftungen kam Gramlow immer wieder zurück. Zur Kommunion mit Schneeglöckchen im Knopfloch Im Schatten der Marienkirche stand die "Nasse Minna", wie der Volksmund den Brunnen nannte. Die Schnitterin aus Eisen war der Mittelpunkt des großen Marktplatzes, aber ihre Tage waren gezählt. In den ersten Kriegsjahren verschwand sie, wahrscheinlich verwandelte sie sich in tödliche Geschosse. In der Marienkirche empfing ich zusammen mit meinen Freunden die Heilige Kommunion. Das war am 19. März 1939, Palmsonntag. Meinen Bibelspruch für diesen Tag habe ich vergessen, aber dass es bitterkalt war - daran erinnere ich mich noch. Mein Vater hatte meinen ersten Anzug geschneidert. Mit einem Sträußchen Schneeglöckchen im Knopfloch flanierte ich mit anderen Konfirmanden stolz durch die Straßen. Es war keine Pflichtveranstaltung, keine Massenversammlung, kein Staatsjugendtag und keine obligatorische Jugendfilmstunde mit "Jud Süß". Gleichzeitig endete meine Volksschulzeit an der Knabenvolksschule unter Rektor Walter Schumacher, der während der letzten beiden Schuljahre mein Lehrer war. Nach seiner Flucht aus Arnswalde im Februar 1945 hat er seine vielen heimatkundlichen Veröffentlichungen vor dem Untergang bewahrt. Ein Anzug für eine Monatsmiete  In der Schule wurde damals noch geprügelt und zwar mit dem Rohrstock und es war nicht nur Rektor Schumacher, der zuschlug: Der jähzornige Gesangslehrer Jabusch prügelte auch auf die falschsingenden Mitschüler ein. Mein Vater kam dann auf die Idee, an der betreffenden Stelle unter der Hose ein kleines Flickenquadrat anzubringen - das milderte ein wenig den Schmerz. Einige unserer Väter hatten das Geld nicht, ihre Söhne auf das Gymnasium zu schicken. Meiner zum Beispiel schneiderte einen Anzug gerade mal für 35 Reichsmark - das war die monatliche Miete für unsere Dreizimmerwohnung in der Bahnhofstraße. Deshalb konnte ich nur eine Lehre absolvieren, von April 1939 bis Juni 1942 bei der Landkrankenkasse. Das war kein Ruhmesblatt. Die Vorgesetzten waren allesamt bewährte Parteimitglieder und ich musste den "Völkischen Beobachter" archivieren. Natürlich las ich ihn auch! Ein tragisches Ende seines kurzen Lebens war übrigens dem Leiter der Landkrankenkasse, Artur Rachuth, Bauer und Bauernführer im Reichsnährstand, vorbestimmt. Beim Einmarsch der russischen Streitkräfte in Rietzig, wo er seinen Bauernhof hatte, wurde er kurzerhand erschossen. Nur ein Foto blieb von ihr Beim Schwimmen im Klückensee lernte ich meine erste Liebe kennen, Lore Kucharski. Ihre Mutter besaß ein kleines Gut, das der Vater nach seinem Tod hinterlassen hatte. Es war Sommer. Ein kleines Bootshaus, weit draußen im See, war das Ziel. Lore schwamm voraus, ich folgte. Dort saßen wir, starrten auf den See, sprachen kein Wort und schwammen wieder zurück. Das war 1941. Es war das erste Zusammentreffen - und sollte das letzte sein. Drei Jahre später schrieb ich ihr einen Brief. Sie antwortete und schickte ein Foto mit der Bemerkung, dass sie nach der Mädchenmittelschule in Arnswalde nun eine Schule in Schneidemühl besuche. Dort endeten ihre Tage 1945. Meinen letzten Blick auf den Klückensee, die Marienkirche und den Wasserturm werde ich nicht vergessen. Das war am 21. Juni 1942, dem Tag vor meiner Einberufung zum freiwilligen Kriegsdienst und ein Jahr nach "Unternehmen Barbarossa", als die deutsche Wehrmacht in die Sowjetunion eingefallen war. Dieser Krieg war bereits verloren. Aber das wussten mein Freund Gerhard Weiß und ich nicht, als wir uns am 22. Juni 1942 bei der Panzerkaserne in Berlin Groß-Glienicke meldeten. Meine Symbole für den Untergang Es sollte mein letzter Blick auf Arnswalde gewesen sein. Den einzig möglichen Wochenendurlaub nach Hause wäre zu Weihnachten 1942 gewesen - doch den verdarb mir ein falscher Schluck zur falschen Zeit aus der Kümmelflasche, die so verführerisch versteckt im Schrank des Spießes stand. Denn der Kompaniefeldwebel kam unerwartet dazu, während ich trank, und machte mich zur Strafe an Heiligabend und über die Feiertage zum Unteroffizier vom Dienst. Über den Untergang meiner Heimat im Februar 1945 las ich in der "New York Times" unter Zuhilfenahme eines kleinen Wörterbuches, das ich heute noch habe und benutze. Ich war damals sicher verwahrt als "Prisoner of War" in Las Cruces, New Mexico. Arnswalde wurde in dem Text als eine Großstadt mit 120.000 Einwohnern beschrieben. Belegt wurde der Artikel viele Jahre später mit einem Foto aus dem "Heimatgruß"-Rundbrief, das mich heute noch betroffen und tieftraurig macht: Ein unbekannter Soldat muss diese Aufnahme vor seiner Flucht aus Arnswalde im Februar 1945 gemacht haben. Man sieht darauf die zerstörte Marienkirche, die Reste der "Nassen Minna", einen herumirrenden Schimmel und einen deutschen "Tiger"-Panzer.
 Vorkriegszeit in Pommern Barfuß übers Stoppelfeld Als Kind verbrachte Günter Werk seine Sommerferien bei den Großeltern in dem kleinen Ort Brenkenhofsbruch in Pommern. Besonders liebte er seinen furchtlosen Großvater, der mit entblößtem Hinterteil einen Kettenhund zu zähmen wusste. Doch der Mut bewahrte den Großvater nicht vor den Schrecken des Krieges.
Im Sommer 1929 fuhr ich, in einem Blechsitz auf der Querstange des väterlichen Drahtesels hockend, von Arnswalde ins Netzebruch, wie die pommersche Region am Unterlauf der Netze hieß. Ich war fünf und durfte zum ersten Mal meinen Großvater Otto Werk besuchen. Es war eine beschwerliche Fahrt, es ging über Feldwege, vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Aber es war alles nicht so schlimm, denn wir hatten ja eine Erfrischung dabei: eine Tüte Süßkirschen! Es war meine erste Fahrt nach Brenkenhofsbruch im Netzetal, ihr sollten unzählige weitere folgen! Bereits drei Jahre später fuhr ich schon ohne Begleitung nach Brenkenhofsbruch, mit der Kleinbahn, deren Schienen noch auf Schmalspur eingestellt waren. Ich durfte die Sommerferien bei den Großeltern verbringen. Die Dampflokomotive zog die Waggons gemächlich bis zur Endstation, Friedeberg-Ost. Es folgte ein langer Fußmarsch auf dem Damm der Netze - feste Straßen gab es noch nicht - bis zum Altarm des Flusses. Auf der anderen Seite tauchte bald der Kirchturm von Gottschimm auf und in weiter Ferne konnte man Driesen erkennen. Dann erreichte ich die Pflaumenbaum-Allee und etwas abseits des Weges das reetgedeckte Haus meiner Großeltern mit seinem Blitzableiter. In der Stube glänzte die Kaiserfamilie Auf der Südseite des Hauses lag ein großer Bauerngarten, gegenüber davon der Kuhstall mit zwei Kühen und der Schweinestall, der Misthaufen, eine neue Scheune, das Plumpsklo und die Hundehütte von Trolly. Der Ziehbrunnen mit dem köstlichen Wasser lag im Schatten des ausladenden Walnussbaumes. Die nächsten Nachbarn waren weit weg. Eine Weide gab es nicht, frisches Grünfutter wurde mit der klobigen Schubkarre direkt von der benachbarten Wiese geholt. Weit genug entfernt vom Haus, hinter vielen Obstbäumen und Sträuchern, stand der gemauerte Backofen. Der allerdings hatte bereits ausgedient. Jetzt klingelte einmal in der Woche auf dem Hauptweg der Bäcker auf der Durchfahrt und brachte frisches Brot. Das Haus selbst hatte drei große Zimmer, eine geräumige Speisekammer, drei große Kachelöfen und eine kleine, dunkle Küche mit Feuerstelle. In der Wohn- und Schlafstube stand der Schneidertisch mit Nähmaschine. An der Nordseite lag eine kleine Stube, daneben die Kammer mit Außentür, in der im Sommer die Johannisbeeren zu Wein verarbeitet wurden. In der guten Stube, kaum genutzt, glänzte das gerahmte Foto der Kaiserfamilie. Wie Opas nackter Hintern einen Kettenhund zähmte Meine Oma molk die Kühe, stellte Butter her und verkaufte sie. Oma versorgte auch Schweine, Ferkel, Hühner und das Lamm Hansi. Und sie konnte kochen! Wie ein Festessen begrüßten wir die ersten Frühkartoffeln mit Sahnehering. Eine andere Spezialität des Hauses waren ihre Bratwürste. Sie wurden nach dem jährlichen Schlachten hergestellt und geräuchert. Der Geschmack war einmalig. Sehr selten nur schaffte es eine Bratwurst bis zu uns nach Arnswalde! Mein Großvater war furchtlos und einfallsreich. Ich erinnere mich an eine Wette: Ein Bauer hatte einen bissigen Kettenhund und Opa sollte ihn in seine Hütte treiben. Unerwartetes geschah: Er zog seine Hosen herunter, entblößte kurzerhand seinen Hintern, kniete nieder und kroch langsam rückwärts an den Hund heran, woraufhin der leise winselnd in seiner Hütte verschwand. Auch das war mein Opa: Es muss um 1910 gewesen seien. Das Problem, das mein Vater mit seinem Lehrer hatte, schien unlösbar wie ein gordischer Knoten. Mein Opa versuchte, es auf seine Weise aus der Welt zu schaffen: Er wurde handgreiflich und verdrosch… den Lehrer! Aber Großvater schrie selbst bald lauthals um Hilfe und alle wunderten sich später, dass es kein gerichtliches Nachspiel gab.

Opa lass Luft raus: Notoperation im nächtlichen Stall

Im Hochsommer war Erntezeit. Das Kornfeld Eschwerder war größer als ein Fußballplatz. Mein Opa mähte mit der Sense, die er immer wieder dengelte.

Meine Oma und ich bündelten das Gemähte zu Garben und stellten die Mandeln auf, also Bündel zu jeweils zwölf Garben. Danach wurde das Korn bei

einem befreundeten Bauern gedroschen. Trotz der vielen Arbeit: Der Mittagsschlaf, unterm Apfelbaum oder in der Scheune, war ein Muss, denn die Tage

waren lang und endeten erst spät im Dunkeln - nicht jedoch, bevor wir uns vor dem Haus die Füße gewaschen hatten.

Die Nachbarskinder Willi und Walter Ladewig waren meine Spielkameraden. Von ihnen lernte ich, barfuss über ein Stoppelfeld zu laufen. In Opas dunklem Schuppen mit Brennholz und Briketts spielten wir mit viel Geschrei das Suchspiel "Wasser - Feuer - Kohle" und auf unebenen Feldwegen veranstalteten wir Wettrennen mit ausgedienten Fahrradfelgen, die wir mit einem leicht gekrümmten, dünnen Haselnusszweig antrieben. Eines Nachts weckte uns Nachbar Brüning. Er brauchte Hilfe. Seine Kuh lag mit aufgeblähtem Leib im Stall, der nur spärlich durch eine Stalllaterne beleuchtet war. Was tun? Telefon gab es nicht und der Tierarzt wohnte in weiter Ferne. Entschlossen nahm mein Opa die Sache in die Hand: Er verlangte ein dünnes, langes Metallröhrchen, das man nach aufgeregtem Suchen sogar fand. Mit einem Fäustling trieb mein Opa das Röhrchen durch die dicke Kuhhaut. Wie durch ein Wunder entwich die Luft und die Kuh überlebte den Eingriff. Von schwarzer Magie und Zauberei Dann war da noch die Netze und ihr Altarm, ein stehendes, dunkles Gewässer mit vielen Fischen: Aale, Plötzen, Schleie, Barsche und Hechte. In der starken Strömung der Netze schwammen Zander. Opas Angelgerät war jederzeit greifbar, aber der Fang meist spärlich. Einmal besuchten wir Verwandte auf einem Netzekahn. Sie arbeiteten nicht nur auf dem Kahn, sondern lebten auch darauf, das war eine ganz andere Welt. Wir konnten zwar schwimmen, aber die Netze war tückisch mit ihren vielen Buhnen. Während der Kaiserzeit war ein Bruder meines Vaters ertrunken. Nach drei Tagen ergebnislosen Suchens war mein Opa auf das Reetdach seines Hauses geklettert und hatte den Namen meines Onkels in den Schornstein gerufen. Das half, danach fand man ihn. Es gab nicht selten schwere, anhaltende Sommergewitter. Dann saßen wir in der Stube und im Halbdunkel wurde getuschelt, etwa über das Siebte Buch Mose mit seinen Zauberkräften und mit unheimlichen Auswirkungen auf verwünschte Häuser. Trolly verkroch sich ängstlich unter dem Bett, aber die Blitze verschonten uns immer. Ein kleines, stilles Leuchten… Im Juni 1942 besuchte ich Brenkenhofsbruch ein letztes Mal, wieder mit dem Fahrrad. Es sollte ein Abschied für immer werden. Auf der Rückfahrt traf ich den Vetter meines Vaters. Er war auf Fronturlaub, kam gerade aus Russland, wo er als Angehöriger einer SS-Kampfeinheit stationiert war. Vor Angriffen, so erzählte er, bekämen sie immer eine gehörige Portion Schnaps. Die unheilvolle Zukunft war zum Greifen nah und bald war sie Gegenwart: Die Westverschiebung Polens machte aus Brenkenhofsbruch, dem Ort, dem einst Balthasar von Brenkenhoff, der Kolonisator des Netzebruchs, seinen Namen gegeben hatte, "Blotno", und aus Gottschimmerbruch "Goscimiec". Der Vetter meines Vaters hat den Krieg nicht überlebt. Otto Werk, mein Großvater, geboren am 4. Dezember 1870, wurde am 25. Februar 1945 massakriert. Er ruht begraben in einem Massengrab vor der Kirche von Goscimiec. Heute denke ich an die Vergangenheit und mir fallen die Verse Conrad Ferdinand Meyers ein: Was kann ich für die Heimat tun, Bevor ich geh im Grabe ruhn? Was geb ich, das dem Tod entflieht? Vielleicht ein Wort, vielleicht ein Lied, Ein kleines, stilles Leuchten!
Kindheit in WestpommernErinnerung an das Paradies Geheimnisvolle Dachböden, selbstgeschnitzte Holzschwalben und ein scheintotes Huhn: Die Jahre bei den Großeltern im westpommerschen Stolzenfelde waren für Günter Werk voller Abenteuer. Bis die unbeschwerte Kindheit im Juni 1942 abrupt endete.
1924 wurde ich im westpommerschen Stolzenfelde geboren. Zehn Jahre zuvor hatte der Erste Weltkrieg begonnen, seit fünf Jahren galt er durch den Versailler Vertrag offiziell als beendet. Die Mutter war bei meiner Geburt zwanzig Jahre alt. Vater, Jahrgang 1899, arbeitete als Schneidergeselle in Arnswalde, der 6,5 Kilometer entfernt liegenden Kreisstadt. Der spätere Umzug nach Arnswalde ist eine meiner ersten Erinnerungen. Unser Hab und Gut hatten wir auf einen klobigen Ackerwagen, einen Einspänner, gepackt. Vielleicht hatte ihn mein Großvater gebaut. Möglich wäre es, denn er war Stellmachermeister auf dem Gut der von Germars. Nach dem Umzug wurde Stolzenfelde meine zweite Heimat. Die Erinnerungen an Stolzenfelde gehören zu den schönsten meines Lebens. Die Fahrt von Arnswalde mit dem kleinen Postauto kostete 50 Pfennig, später nahm ich das Fahrrad. Meine ganze Kindheit hindurch fuhr ich so oft es ging nach Stolzenfelde und besuchte meine Großeltern, die dort mit drei anderen Familien in einem Reihenhaus lebten. Es war ein Arbeiterhaus für die Familien des Gutes, die Deputaten. Die Männer waren Herrschaftskutscher, Schmiede- oder Melkmeister. Auf Großmutters Sofa war immer Platz für mich zum Übernachten. Wenn ich abends dalag, den Kopf auf den Arm gestützt, erzählte mir mein Opa viele Geschichten. Unvergessen bleibt mir das große Bild mit dem Schlachtschiff "SMS Deutschland" der Kaiserlichen Marine hinter ihm an der Wand. Es war eine Erinnerung an meinen Onkel Bernhard, der 1916 die Seeschlacht am Skagerrak er- und überlebt hatte. Warum bloß streute Oma Sand auf Backsteine? Auf dem Dachboden des Hauses fand ich Schätze aus einer anderen Zeit: das umfangreiche Lexikon, zwölf Bände, mit vielen Landkarten; alte Briefe; vergilbte Zeitungen; Musikinstrumente, die nicht mehr benutzt wurden, eine Harmonika, eine Zither, eine Geige, eine Flöte. Und im Schornstein hingen der Schinken und die Würste. Meine Großeltern waren weitgehend Selbstversorger. Das Brot backte meine Großmutter noch selber. Sie karrte die wohlgeformten Brotlaibe mit der klobigen Schubkarre zum Dorfbackhaus, wo auch andere Frauen warteten, bis sie an der Reihe waren. Manchmal half ich meiner Großmutter beim Buttern. Es dauerte lange, bis aus der Milch endlich Butter wurde. Später machte die Zentrifuge von Miele alles viel einfacher. Dabei fällt mir eine Eigenart meiner Oma ein: Jeden Samstag streute sie feinen weißen Sand auf die Backsteine im Flur. Warum tat sie das? Ich weiß es nicht mehr. Im Winter wurde ein fettes Schwein geschlachtet - eins von vielen - was ein besonderes Erlebnis für uns war: Unter viel Gequieke wurde es festgebunden. Der Metzger schlug eine schwere Axt gezielt auf den Kopf des armen Tiers. Das Blut wurde in Eimern aufgefangen. Kurze Zeit später hing es an einem großen Baum, aufgeschlitzt und halbiert. So ging es emsig fort, bis es ganz in Teile zerlegt war. Winterzeit war im Übrigen auch Hammelzeit, da kam auch der so genannte Deputatenhammel an die Reihe, ein Hammel, der jedem Deputaten als Teil der Entlohnung zustand. Tot sah er aus wie lebend Mein Opa betätigte sich im Sommer nach Feierabend als Imker. Ich erinnere mich an zwölf Bienenstöcke im hinteren Teil des kleinen Gartens direkt an der Dorfmauer, aber meine Mutter erzählte, dass er früher bis zu 50 Bienenvölker betreut hatte. Den Honig verkaufte er. Außerdem schnitzte mein Großvater. Es waren wohl die vielen Schwalben, die im Sommer unter dem Dach nisteten, die ihn dazu inspirierten, kleine Holzschwalben zu schnitzen, um sie danach zu verschenken. Mir aber schenkte er einen selbstgebauten, sehr robusten Rodelschlitten! Wenn ich meinen Opa in seiner Stellmacher-Werkstatt besuchte, kam ich an einem großen Schafstall vorbei. Die Schafe standen auf dem aufgehäuften Mist fast bis an die Decke. Mein Opa wurde alt und schwerhörig, kein Wunder bei dem Höllenlärm in der Werkstatt. Aber was er nicht hören sollte, hat er gehört, sagte man. Eines Nachmittags legte er sich für ein kurzes Nickerchen hin, aus dem er nicht mehr aufwachen sollte. Er war der erste Tote, den ich sah, mit seinem Gesicht und seinem Schnurrbart - wie zu Lebzeiten. "Help god unde maria" Die alten Kastanienbäume im Ort sollen heute noch stehen, ebenso mein Geburtshaus, Freunde haben es mir bestätigt. Überhaupt, die Kastanienbäume! Die vielen Geschichten, die man uns erzählte, wenn wir uns an lauen Sommerabenden darunter versammelt hatten! Im Herbst, wenn sie ihre Früchte fallen ließen, zahlte der Förster eine Reichsmark für den Zentner und ich sammelte immer emsig mit. Gegenüber lag der Kuhstall, in dem auch die Kühe meiner Großeltern und meiner Tante Meta standen. Neben dem Hammel, ausreichend Brennholz und einem Stückchen Land zum Bebauen stand den Deputaten nämlich jeweils auch eine Milchkuh zu, die alle zusammen in diesem Gemeinschaftsstall untergebracht waren. Von den Kastanienbäumen aus konnte der Blick ungehindert bis zur Klapper wandern, das war ein großes, rechteckiges Stück Metall, das mit einem Klöppel geschlagen wurde und im ganzen Dorf zu hören war. Das Geklappere kündigte den Beginn der Arbeit, die Vesper zu Mittag und den Feierabend an. Oberhalb davon, nicht sichtbar, lag die alte Dorfkirche. Ob die älteste Glocke von Stolzenfelde heute noch läutet? Sie wurde noch mit dem hängenden Seil zum Schwingen gebracht. Ihre Inschrift lautete "Help god unde maria. s. anna andreas ingerman, ANNO MDXXV”. Mit der JU 52 auf Elternbesuch Christoph von Germar, den Gutsbesitzer, und seinen Inspektor Blümke sah ich nur auf ihren Pferden. Ich erinnere mich, dass der gnädige Herr keine Hühner mochte. Deshalb wurde am Dorfende extra ein Zaun angelegt, um sie von seinem Acker fernzuhalten. Der haushoch aufgehäufte Edelmist unmittelbar vor der Stellmacherei meines Großvaters konnte vom höher gelegenen Herrschaftshaus auch gesehen werden, der störte aber offensichtlich nicht, denn er lag Jahre, bis er endlich auf den Feldern verteilt wurde. Im Hochsommer mussten alle bei der Getreideernte helfen. Milchkannen wurden mit Pumpenwasser gefüllt und Becher daran gehängt, bestimmt für die durstigen Erntearbeiter und -arbeiterinnen. Dort wo das Postauto auf der Durchfahrt nach Reetz hielt, stand immer noch die Schnitterkaserne, wo vor dem Weltkrieg die polnischen Erntearbeiter untergebracht worden waren, die kamen jetzt aber nicht mehr. Viele Jahre später landete eine JU 52 auf einer der Wiesen - ein Bauernsohn besuchte seine Eltern. Mein Onkel Herrmann war Gutsgärtner. Er bewohnte mit seiner Familie ein neu erbautes Haus. Dort, im Schweinestall, gewann mein Vater eine Wette, es ging um 20 Hühnereier. Er hatte behauptet, ein Huhn so hinlegen zu können, dass es sich nicht mehr bewegen konnte. Keiner glaubte ihm und so stand die Wette. Mein Vater muss es in seiner Jugendzeit von seinem Vater abgeschaut haben, jedenfalls ging alles sehr schnell: Er packte das Huhn und presste dessen Flügel an den Körper. Schon lag es auf dem Rücken und bewegte sich überhaupt nicht mehr – und mein Vater hatte 20 Hühnereier gewonnen! Aus mir wurde eine Nummer, aus Stolzenfelde Stradzewo Am 3. September 1939, es war ein Sonntag, erklärte England den Deutschen den Krieg. Tante Meta sagte zu uns Jungs: "Bis ihr rankommt, ist der Krieg zu Ende." Es kam alles anders. Im Juni 1942 fuhr ich ein letztes Mal mit dem Rad nach Stolzenfelde und verabschiedete mich für immer. Ich wurde zu einer Nummer: Mir wurde eine Erkennungsmarke zugeteilt mit der Aufschrift "A 5/Pz Ers. Abt. 10 671". Schon im nächsten Jahr eine andere Nummer in Norfolk, USA: 8WG - 54049 und drei Jahre später wieder eine andere Nummer: AA 013 334, verpasst von der BAOR, der British Army over Rhine. Um sie nicht zu vergessen, schrieb ich alle in eine Bibel von der American Bible Society, erschienen 1816 in New York. Ein stattlicher, slawischer Geschichtsteppich überrollte 1945 wie ein Rache-Engel mit Brachialgewalt meine Heimat und aus Stolzenfelde wurde Stradzewo.
Erinnerungen an Beisetzung von Hermann Schulz
Hermann Schulz mit Frau
Großfamilie